Rote Lampions und kitschige Wasserfallbilder an den Wänden? Keine Spur. Eine Speisekarte mit Frühlingsrolle und Chop Suey, alles dreistellig nummeriert, wahlweise mit Huhn, Ente oder Schweinefleisch erhältlich? Mitnichten. Das Yulan ist in den gewohnten mitteleuropäischen Kategorien alles andere als ein "Chinese". Es ist ein modernes, geräumiges Restaurant mit Alcantara-Sitzecken, viel hellem Holz, interessanten Dekorationselementen und einem riesigen, kreisrunden hellen Lampenschirm über der Bar in der Mitte.


Kulinarisch gesehen verlässt der Eintretende allerdings den Geschmacksraum der Eurozone, samt den dort assimilierten Schnickschnack-Chinesen. Es ist ein echter Grenzübertritt, an dem man fast eine Passkontrolle samt Visumpflicht einführen sollte. Das Yulan ist kompromisslos chinesisches Hoheitsgebiet, nein, man muss genauer sein, die Reise führt nicht nach Guangdong, Peking oder Schanghai, sondern in die westchinesische Provinz Szechuan.

Kunstvoll verschlossene Säckchen statt Tiefkühlkost


So wie es ist, könnte das Lokal im Geschäftsviertel der Regionalmetropole Chengdu stehen. Oder noch weiter westlich, am Fuße des tibetischen Hochlands. Dazu muss man erwähnen, dass die Küche Szechuans sogar unter Chinesen berüchtigt ist, nicht zuletzt aufgrund ihrer legendären Schärfe. Was also wird dieses gastronomische Konzept mit einem süddeutschen Gaumen anstellen? Erstaunliches, muss man sagen.


Dem Effekt des legendären Szechuan-Pfeffers kann man sich zunächst vorsichtig über ein paar gedämpfte Vorspeisen nähern, die auch hier Dim Sum heißen (5,50 Euro). Auf den Tisch kommt keine eilig aufgetaute Tiefkühlware, sondern teils kunstvoll mit einem Gemüsestreifen verschlossene Säckchen, manche mit weicher, fluffiger Hülle, andere leicht angebraten wie asiatische Tortelloni. Der Inhalt schmeckt beispielsweise nach milden Shitake-Ingwer-Noten.

Entdeckergeist oder Übermut


Echtes westchinesisches Flair verströmt ein ebenso als Vorspeise angebotener Hühnersalat. Das weiße Fleisch ist appetitlich mit einer ölig-roten Sauce angerichtet, die den blumigen Ton des Szechuan-Pfeffers mit Erdnuss kombiniert. Die Speise lässt ahnen, welche ungewohnten, gleichwohl anziehenden und manchmal erschreckenden Geschmacksräume hier noch zu erkunden sind.


Vielleicht war es Übermut, sicher aber auch Entdeckergeist, der uns veranlasste, nach einem besonders typischen, gerne exotischen Gericht zu fragen. Der Schärfegrad? Wir wählten: landestypisch. Okay, es war Übermut. Auf den Tisch kam eine wundervoll gearbeitete flache Schüssel mit "Gan Guo Fleisch" in der Version mit Schweinerippchen, die problemlos zwei Personen sättigen kann (28,90). Die gerösteten Fleischteile waren bunt gemischt mit jeder Menge Gemüse, Scheiben von der Lotuswurzel zum Beispiel. Ein attraktiver Duft stieg auf, was den Verzehr der ersten Rippchen samt knackiger Pflanzenkost beschleunigte.


Die Schärfe indes entpuppte sich als höchst exotisches Erlebnis: Völlig anders als thailändische Chilischoten oder mexikanische Jalapeños packt einen die Szechuan-Würzung nicht wie mit einer Kneifzange auf der Zunge. Im Gegenteil, man isst sich frohgemut ein Stück weit durch die Gan-Guo-Schüssel, um mit zunehmender Gewissheit festzustellen, dass sich im gesamten Mundraum ein fast elektrisches, betäubendes Kribbeln ausbreitet. Die faszinierende Anziehungskraft des Gerichts mischte sich dann doch mit dem Wunsch, den eigenen Gaumen vor einer Vollnarkose zu bewahren.


Eingeschüchtert wagten wir uns anderntags an das Highlight der Speisekarte, den wortreich angepriesenen Feuertopf - nicht ohne die Bitte, den Schärfegrad deutlich herunter zu regeln. Es folgte ein ausladendes Schlemmer-Erlebnis, bei dem mit schmuckvoll ornamentiertem Kochgerät eine schlicht nicht zu bewältigende Menge Zutaten auf den Tisch kommt, die man in beliebiger Reihenfolge in würziger Brühe gart und in diverse Saucen tunkt (38,90). Lamm, Rind, Huhn, Schwein, kleine Klößchen, Tofu, Pilze, Kohl, Kartoffeln bildeten die Hauptbestandteile. Als Dip dient Erdnuss-Sauce, Austernsauce, Sesamöl sowie Kräuter, geriebener Knoblauch und Pfeffer.

Konzept ohne Kompromisse


Das Ganze funktionierte nicht nur als Gericht, sondern auch als Sozialbeschleuniger. Das gegenseitige Anreichen der Zutaten ist zentraler Bestandteil. Und am Ende die Brühe zu schlürfen ein Hochgenuss. Dass die Fleischzutaten als dünne, allerdings noch halbgefrorene Scheiben auf den Tisch kamen, könnte man vielleicht noch europäischen Ansprüchen anpassen. Das Rind muss ja auch nicht (wie es die Speisekarte angibt) aus Australien stammen. Anzing wäre auch gut, und vielleicht sogar hochwertiger.


Als Geschäftsmodell wohl nicht risikofrei, allerdings sympathisch originell ist das kompromisslose Konzept einer unangepassten fernöstlichen Küche. Als Brücke zum Gewohnten kann man immerhin ein Glas Riesling dazubekommen. Oder ein Bier. Bier? Mit dem Begriff kam unsere bemerkenswert freundliche Kellnerin nicht sofort klar. Aber "Tsingtao", das brachte die Völkerverständigung ins Rollen.


top

Restaurant Yulan Theresienhöhe 30, 80339 München, Germany

T:  +49 (0)89 5203 7800   F: +49 (0)89 5203 7802   E: th30@Yulan.eu

21. Dezember 2015, 12:15 Uhr Restaurant Yulan

Exotisches Erlebnis extrascharf

Von Kurt Kuma

top

21. Dezember 2015, 12:15 Uhr Restaurant Yulan

Exotisches Erlebnis extrascharf

Von Kurt Kuma

Click

Yulan: Scharfe Magnolie

Daniel Gahn, 04.01.2016 17:49 Uhr

Click

Yulan: Scharfe Magnolie

Daniel Gahn, 04.01.2016 17:49 Uhr

Peking-Ente und goldene Drachen sind typisch chinesisch? Von wegen: Das Yulan an der Theresienhöhe belehrt eines Besseren.


Ludwigsvorstadt - In China essen sie Hunde. Das ist nur eins der vielen gängigen und nicht immer ganz richtigen Klischees über die chinesische Küche. Auch die Annahme, dass es sich bei Peking Ente und Schweinefleisch süßsauer zumindest um authentische Gerichte handeln muss, ist falsch. Die chinesische Küche wird hierzulande völlig falsch verstanden und außerdem gibt es sie auch gar nicht, die typische chinesische Art zu kochen – die unterscheidet sich von Region zu Region.


Im August hat an der Theresienhöhe ein chinesisches Restaurant eröffnet, das zwar von Namen her nach China klingt, aber nichts mit den klischeeüberladenen Glutamat-Tempeln im Zeichen des Feuerdrachen gemeinsam hat. Yulan bedeutet Magnolie und ganz dem Namen entsprechend finden sich im Lokal fast in jeder Ecke Blumen.


Inhaber Dan Zeng hat sein Lokal im August eröffnet und wie so häufig steckt hinter seinem Restaurant eine ganz besondere Geschichte. Als Zeng von Australien nach München kam, war er auf der Suche nach einem Lokal, das authentische chinesische Küche anbot, am liebsten aus seiner Heimatregion Sichuan. Zeng wurde nicht fündig und plante kurzerhand sein eigenes Restaurant.


„Meist ist es scharf, aber scharf mit Geschmack“, erklärt Zeng lächelnd den Grundzug der Küche aus seiner Heimat. Zu den beliebtesten Speisen zählt im Yulan Gong Bao (17,90 Euro). Das Gericht besteht aus Hühnerfleisch, grüner Paprika, Tofu, gebratenen Erdnüssen, Szechuanpfeffer und ist – natürlich – scharf. Auf Wunsch wird der Schärfegrad an den Gaumen des Gastes angepasst.


Typisch ist auch der Feuertopf (ab zwei Person für je 38,90 Euro), der im Yulan auf Vorbestellung angeboten wird. Ein Feuertopf ist eine Art chinesisches Fleischfondue, das in einem handgefertigten Bronzetopf an den Tisch kommt. Feurig scharf ist das gesellige Gericht natürlich auch, da es zu den größten Klassikern der Küche Sichuans gehört.


Es findet sich im Yulan sogar eine Parallele zur bayerischen Küche: Es gibt Schweinshaxe (Dong Po 34,90 Euro). Die Version aus Sichuan ist allerdings eher süßlich mariniert. Von Schärfe ist hier ausnahmsweise nichts zu merken.